Das Comeback der Alfonsina Storni

Alfonsina Storni, 1892 geboren in Sala Capriasca (Bezirk Lugano), kam mit vier Jahren nach Argentinien und lebte von 1912 bis zu ihrem Freitod 1938 in Buenos Aires. Sie ist eine der wichtigsten Künstlerinnen Argentiniens vor dem Zweiten Weltkrieg, eine der eigenwilligsten Stimmen der lateinamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts und die berühmteste Schweizer Schriftstellerin, die in einer Nicht- Landessprache schrieb. Ihr Werk umfasst Lyrik, Erzählungen, Essays, Aphorismen, Theaterstücke für Erwachsene und für Kinder sowie autobiografische Texte.

Die Edition Maulhelden macht Storni schriftstellerisches Werk in ganzer Breite auf Deutsch erstmals zugänglich. Die Werkausgabe, übersetzt und herausgegeben von Hildegard E. Keller, ermöglicht einen neuen Blick auf das Werk der aus dem Tessin stammenden Argentinierin Alfonsina Storni. Die vier Textbände begleiten Hildegard Kellers Biografie von Alfonsina Storni. «Nur Lesen kann einen neuen Zugang zu Alfonsina Storni schaffen,» sagt die Übersetzerin und Biografin. 

«Was für ein außerordentlicher Kopf – und nicht im Geringsten unansehnlich! Silbernes Haar rahmte das Gesicht, das so frisch aussah wie das einer Fünfund­zwanzigjährigen. Nie habe ich schöneres Haar gesehen. Wie Mondlicht am hellen Tag. In den weißen Wellen war noch ein blonder Liebreiz zu sehen. Die blauen Augen, die Stupsnase, französisch und sehr niedlich, und der rosa Teint geben ihr etwas Kind­liches. Dieser Eindruck löst sich im Gespräch mit dieser scharfsinnigen, gereiften Frau bald auf. Sie ist von klei­ner Gestalt, sehr beweglich und sprüht vor Intelligenz, ganz ohne Übertreibung.» 

Gabriela Mistral über Alfonsina Storni, CARDO

Und das weltberühmte Lied von der Selbstmörderin, das Mercedes Sosa in die Welt hinausgetragen hat, Alfonsina y el mar? Das Lied ist schön, regt an und wird immer wieder neu interpretiert, doch Alfonsina Storni war Künstlerin, eine selbstbestimmte, mutige Frau, die für ihr Werk viel gewagt und alles gegeben hat. Sie will für ihr Werk und ihr gelebtes Leben erinnert werden. Wir wünschen den Leser:innen einen neuen Zugang zur fabelhaften Alfonsina Storni. Möge sie uns neu inspirieren. 

Mehr hören und erfahren: Radio-Feature und Blog.

Frauen im Tessin

In den Siebzigerjahren konnte man in der Schweiz Alfonsina Stornis frühe Lyrik auf Deutsch kennenlernen (mehr noch nicht). Wer im Tessin Urlaub machte, konnte in der Bibliothek eines gediegenen Hotels auf einen Gedichtband stossen. Im Roman WAS WIR SCHEINEN passiert dies Hannah Arendt in Tegna, wo sie 1975 ihren letzten Sommer verbringt. Im Hotel arbeitet eine junge Bernerin, die dem Hotelgast ein Buch empfiehlt. So vertieft sich Hannah Arendt in Metaphern, denkt über Sprachbilder, den Freitod und was ihr Doktorvater Karl Jaspers dazu gesagt hatte. Und über Menschen, die viel zu früh gestorben waren.